20. Feb 2012
Heidelberg war in den frühen Jahren des letzten Jahrhunderts eine Art Wiege der Medizin. Berühmte Namen der Medizin, die dieses Fach nachhaltig geprägt haben, stammen aus Heidelberg. Und auch heute noch hat Heidelberg eine auffallend hohe Dichte niedergelassener Ärzte, in ähnlicher Weise findet man das allenfalls in Tübingen oder Freiburg. Noch immer viel zu wenige dieser Arztpraxen stellen ihre Arbeit mittels einer Praxiswebseite vor und bieten ihren Patienten damit einen Mehrwert.
Ich habe mir vor einiger Zeit, die Webseiten von Arztpraxen aus Heidelberg ein wenig differenzierter zu betrachten. Das Ergebnis ist eigentlich enttäuschend.
Insgesamt habe ich 63 Webseiten untersucht:
Seitengestaltung:
Über Geschmack des Layouts und die Qualität der Text- und Bildinhalte mag man streiten - Vieles ist hier vom persönlichen Empfinden abhängig und vom Bewusstsein, wie notwendig kreative Gestaltung in der Darstellung der eigenen therapeutischen Selbstdarstellung sein mag. Hier haben einige Praxen deutlichen Nachholbedarf, ein blosses und ungestaltetes vergilbtes Stück Ökopapier zeugt nun wirklich nicht davon, dass man seinen Kunden (hier eben Patienten) allzu viel Wert beimisst.
Was aber beim Webdesign oft übersehen wird ist, dass die Gestaltung einer Seite direkten Einfluss darauf hat, wie eine Seite beim Besucher angenommen wird. Dies jedoch analytisch aufzuarbeiten, ist schwierig, da es diesbezüglich keine allgemeingültigen Kriterien gibt. Trotzdem gibt es Regeln, die man beachten sollte.
Seitenaufbau:
Problematisch wird es im „Untergrund“ einer Webseite - also dort, wo man es nicht gleich sieht:
Immerhin 18 Seiten waren als so genannte „Frames“ angelegt. Das ist eine Struktur, die der Vergangenheit angehört und suchmaschinentechnisch wie auch von der Benutzerführung her unbedingt vermieden werden sollte
32 Webseiten -das ist immerhin die Hälfte der Praxisseiten!- greifen mehr oder minder ausgeprägt auf so genanntes Tabellenlayout zurück (man sieht das an der Oberfläche nicht). Auch das ist von der Benutzerzugänglichkeit zu vermeiden und war allenfalls eine ausgediente Krücke zu individuellerer Gestaltung, die Zeit dieser Krücke ist heute aber abgelaufen. In Tabellenlayout gestalteter Seitenaufbau macht auch Probleme bei den unterschiedlichen Browsern und die Wahrscheinlichkeit von Inkompatibilitäten ist hoch. Eines der beliebtesten CMS-Systeme (das sind Seitentypen, die gerne genommen werden, weil der Seitenbetreiber meint, er könne die Seite dann selbst pflegen) arbeitet übrigens mit einem hohen Anteil an Tabellenlayout.
21 der untersuchten Arztwebseiten hatten erhebliche, zum Teil sogar katastrophale Fehler im Quellcode. Es fehlten wichtige Bestandteile oder die Seiten waren mit unnötigen Codebestandteilen zugemüllt.
Der Grund liegt oft darin, dass für die Seitenerstellung Programme benutzt wurden, die von vornherein solch schlechten Code ausgeben. Besonders schlimm sind hier bestimmte Baukastensysteme und auch einige CMS-Systeme. Das diese Seiten trotzdem mehr oder minder gut angezeigt werden, liegt an der relativ grossen Toleranz der meisten Browser. Im schlimmsten Fall zwingt eine solche Seite jedoch den Rechner des Besuchers in die Knie. Ein weiterer Grund für solchen Codemüll liegt in eher ungeschickter Umsetzung von Gestaltungsideen.
Browserkompatibilität:
4 der analysierten Seiten geben doch tatsächlich eine Fehlermeldung aus, wenn man sie nicht mit dem Internet Explorer 6 besucht. Man bedenke: der IE 6 gehört in das Internet der Vergangenheit, mittlerweile schreiben wir 2010 und der Internet Explorer ist schon lange nicht mehr der Standardbrowser per se - und schon gar nicht der IE 6.
Werfen wir weiter einen Blick auf die Webseiten der Arztpraxen (nicht nur) in Heidelberg:
Webseiten müssen dem Besucher gefallen, sie müssen ihn in irgendeiner Weise ansprechen. Und sie müssen so aufgebaut und gestaltet sein, dass der Seitenbesucher sich darauf zurecht findet ohne lange suchen zu müssen. Und noch etwas: Webseiten müssen auch von Leuten nutzbar sein, die über bestimmte Handicaps verfügen - und sei es nur eine schlecht angepasste Brille...
Und Webseiten müssen bestimmten rechtlichen Anforderungen genügen - dies gilt ganz besonders für Webseiten aus dem therapeutischen Bereich.
Schauen wir mal, inwieweit die von mir analysierten Heidelberger Webseiten diese Anforderung umsetzen:
Benutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit:
Das ist ein wichtiger Punkt, denn immerhin haben es Arztpraxen mit einer Klientel zu tun, die potentiell gehandicappt oder die auf Hilfsmittel angewiesen ist, um das Internet zu nutzen.
Keine der untersuchten Heidelberger Praxiswebseiten bot die Möglichkeit von Access-Keys - das sind Codebestandteile, die eine Seitennutzung per Tastatursteuerung zulassen. Wenigstens boten 8 Webseiten die Möglichkeit, die Schriftgrösse per Klick auf einen Button zu verändern - das allerdings ist eine relativ nutzlose Sache, denn das kann jeder Browser von Haus aus.
Viel wichtiger aber ist die Gestaltung des Quellcodes, damit die Seiten auch dann noch nutzbar sind, wenn Javascript, Flash oder auch die Bilddarstellung deaktiviert sind. Hier haben immerhin 17 Seiten deutliche Probleme.
Druckfähigkeit:
Ein anderer Aspekt der Benutzerfreundlichkeit ist die Möglichkeit, eine Seite ohne nutzlose Elemente (wer will schon die Navigation drucken) auszudrucken. Leider fehlt diese Möglichkeit auf vielen Seiten - nur etwa die Hälfte der Seiten hat eine wirklich funktionierende Möglichkeit dafür.
Interaktion:
Nur wenige Seiten nutzen die Möglichkeit, mit dem Seitenbesucher in direkte Interaktion zu treten. Da mögen sich noch Kontaktformulare finden, aber Möglichkeiten, Termine online zu buchen, finden sich auf den untersuchten Seiten überhaupt nicht. Wenigstens kann man als Patient auf 4 Seiten online Rezepte oder Überweisungsformulare bestellen und ein paar wenige Praxiswebseiten aus Heidelberg bieten eine Downloadmöglichkeit für Merkblätter und andere Informationsmaterialien. Eine Uploadmöglichkeit gibt es übrigens auf keiner der Seiten, dabei liesse sich dies durchaus mit einem passwortgeschützten Patienten- oder auch Kollegenbereich verbinden.
Flash:
5 der untersuchten Seiten basieren auf Flash-Technologie. Damit lassen sich zweifelsohne schöne Seiten gestalten, aber diese Seiten sind nicht wirklich ohne Probleme nutzbar. Gefunden werden Sie bei den Suchmaschinen auch nicht direkt, allenfalls über Umwege. Das kann nicht im Sinne des Seitenbetreibers sein.
Impressum:
Ein No-Go bei der Erstellung von Arztwebseiten (und auch anderen gewerblichen Webseiten) ist, sind Unkorrektheiten im Impressum - meine Untersuchung zeigte jedoch, dass dieser Faktor trotz allen Bewusstseins über die Verrechtlichung von therapeutischen Dienstleistungen nachlässig gehandhabt wird:
- 5 Praxiswebseiten verfügten über gar kein Impressum!
- 42 Seiten - das sind 2/3 der Seiten haben mehr oder minder grobe Fehler im Impressum. Das fängt bei unzulässigen Disclaimern an und hört bei falschen Steuerangaben auf.
- keine der Seiten verfügt über Angaben entsprechend der Preisangabenverordnung (davon sind auch Ärzte nicht ausgenommen)
- nur 5 Seiten verfügten über eine Datenschutzerklärung
Andere juristische Fallstricke:
Bestimmte Dinge sind auf Webseiten von Therapeuten nicht erlaubt - missachtet man diese Vorgaben, ist die Abmahnung vorprogrammiert. Fallgruben gibt es hier hinsichtlich der problematischen Verbindung von Praxismarketing, Heilberufegesetz und werberechtlichen Bestimmungen. Darauf näher einzugehen, würde allerdings hier den Rahmen sprengen - aber seien Sie sicher, dass die Mehrzahl der von mir untersuchten Arztwebseiten aus dem Raum Heidelberg deutliche Probleme aufweisen.
Auffindbarkeit in den Suchmaschinen:
Wenn man eine Webseite hat, möchte man gefunden werden. Und wenn man eine Praxis in Heidelberg betreibt, möchte man gefunden werden, wenn jemand bei Google z.B. die Suchbegriffe „Heidelberg“ und „Arztpraxis“ eingibt.
Machen Sie das mal testweise. Sie erhalten tatsächlich 529.000 Ergebnisse - es gibt aber nicht annähernd so viele Arztpraxen in Heideberg (auch wenn es in Heidelberg zugegebenermassen eine hohe Arztdichte gibt). Irgendwas muss also Besonderes an einer Webseite sein, wenn sie bei Google an einer guten Position auftauchen soll - nur was?
Das aber ist das „Geheimnis“ professionellen Webdesigns - und dieses Geheimnis wird auf den verschiedenen Praxiswebseiten, die ich untersucht habe, mit unterschiedlichem Erfolg umgesetzt
Position bei Google: Die Positionierung der einzelnen Praxiswebseiten in den Ergebnisseiten der Suchmaschinen ist unterschiedlich gut - selbst dann, wenn ich mit dem Namen des Praxisbetreibers eine Suchanfrage stelle. Das liegt zum Einen an der Qualität des Codes im „Untergrund“, aber auch daran, wie gut eine Seite suchmaschinentechnisch optimiert wurde. Auffallend ist aber, dass bei den meisten Suchbegriffkombinationen als „Treffer“ zuerst irgendwelche Portalseiten auftauchen, auf denen die betreffende Arztpraxis eingetragen ist. Erst sekundär gelangt man auf konkrete Praxiswebseiten. Eine Ausnahme bietet bei Google die Funktion „Lokale Branchenergebnisse“, die bei bestimmten Suchanfragen gleich oben auf der Suchergebnisseite auftaucht. Hier jedoch steht eine Arztpraxis in direkter Konkurrenz zu anderen Arztpraxen im Raum Heidelberg.
Vielfältige Fehler:
Die Fehler, die bereits bei oberflächiger Betrachtung gemacht werden, sind vielfältig und oft genug zeigt sich, dass die Grundsätze einer Suchmaschinenoptimierung nicht wirklich begriffen worden sind. Suchmaschinenoptimierung kann sich nicht darin erschöpfen, die Meta-Tags im Quellcode mit einer Unzahl an möglichen Suchworten vollzustopfen.
Das aber ist der häufigste Fehler der untersuchten Webseiten. Es geht aber ganz sicher anders und besser. Sie müssten mich nur mal fragen...
Bildquelle: morguefile | ppdigital